1. Einleitung

Es geht um Biologie. Genauer gesagt, um Evolutionstheorien. Es gibt sie seit der Antike. Seit tausenden von Jahren setzen sich Wissenschaftler, Philosophen und Biologen, ja sogar Religionen, ja mit den Fragen auseinander, wie das Leben entstand, woher die zu beobachtende Vielfalt in der Natur kommt, wie Tierarten entstanden sind. Wichtig sind in diesem Zusammenhang vor allem die Schlußfolgerungen, die sich aus den Antworten darauf für den einzelnen Menschen, die Menschheit und die Gesellschaft ergeben.

Die allumfassende Frage „woher kommen wir, was sind wir und wo gehen wir hin?“ stellt sich, sobald man beginnt, die vorgegebenen Antworten aus der Bibel - oder deren Equivalente anderer Religionen - kritisch und wissenschaftlich zu betrachten. Diese philosophische Frage ist die "Urfrage", die zur Entwicklung der Evolutionstheorie geführt hat und noch heute Forscher beseelt.

Daraus Handlungsanweisungen für das gesellschaftliche Zusammenleben abzuleiten, liegt nahe. Doch sollten die daraus abgeleiteten Dogmen mit derselben Wissenschaftlichkeit geprüft werden wie deren Grundlagen. Inwiefern dies Ende des neunzehnten und im frühen zwanzigsten Jahrhundert getan wurde, ist Thema dieses Referats.

2. Geschichtliches

Ich will kurz darstellen, wie die antiken Philosophen, die Kirche, Darwin und einige seiner Vorreiter und Nachfolger darüber dachten, und wie die Entwicklung dieses Gedankens vor sich ging.

2.1. Platons Lehren

Platon vertrat die 2-Welten-Vorstellung:

Es gibt die Ideenwelt, die Welt der Gedanken und Konzepte, der „idealen Welt“, der mathematischen Basis aller Naturwissenschaften, und die „Sinnenwelt“, in der wir leben, die wir aber nur mittelbar durch unsere Sinne wahrnehmen. Die Sinne sind aber unvollkommen, weshalb die Ideenwelt einen höheren Realitätsgrad als die Sinnenwelt zugeschrieben bekommt. (hier wird schon die Hybris der menschlichen Denkfähigkeit erkennbar)

Ansicht zum Evolutionsgedanken: "Lebewesen sind unvollkommene Abbilder idealer Formen."

daher ist durch Rekombination des Erbguts nur eine Degeneration möglich, jedoch keine Evolution. Eine Ausprägung neuer, positiver Merkmale ist überhaupt nicht denkbar, da sie die Idealtypen verwischen und die Qualität der ausgeprägten Merkmale verschlechtert hätte.

Dann kam Platon auf die Idee, daß die Existenz niedrig entwickelterer Lebensformen erklärbar wird durch die "Degenerationstheorie". Er griff mit dieser Idee den Pseudowissenschaftlern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts voraus, die größtenteils noch von dieser Idee überzeugt waren, davor Angst hatten und deshalb Eugenische Maßnahmen vom Staat forderten.

Jetzt aber seine Theorie: (Achtung - schockierend)

Am Anfang war der Mann. Irgendwann jedoch, nach dem Ende der guten, alten Zeit, entarteten manche Männer zu Feiglingen, Feiglinge dann zu Frauen. So waren Frauen mutierte Mutationen der einzig wahren Herren dieser Erde, der Männer. Es ging noch weiter: Auch die sowieso schon total degenerierten Frauen degenerierten noch weiter, und - plöpp - das erste Erklärungsmodell für die Herkunft niederer Tiere war geboren.

Somit ist leicht zu erkennen, was die Krone der Schöpfung ist, und wo die Evolution hinführt.

"Politeia" - erste Ansätze der Bevölkerungspolitik

Er geht sogar noch weiter und postuliert einen Staat, der "von negativen Elementen rein gehalten werden muß", und seine Werke werden so zu den Wurzeln für die Legitimation von Tyrannei, Inquisition und Eutanasie.

2.2. die Kirche

Hält fest am Kreationismus - der Ablehnung des Evolutionsgedankens durch die Vorstellung einer Schöpfung: Die zu beobachtenden Anpassungen der Organismen wurden als Beweis dafür gesehen, daß der Schöpfer jede Art zu einem bestimmten Daseinszweck geschaffen hat.

In der Menschheitsgeschichte gab es keinen Fall, in dem sich eine Art in eine andere verwandelt hätte. Wenn ein solcher Prozeß überhaupt stattfände, müßte er sich daher außerordentlich langsam vollziehen, vielleicht über mehrere hunderttausend Jahre. Nach biblischer Vorstellung liegt das Alter der Erde bei wenigen tausend Jahren, und deswegen konnte Evolution schon aus zeitlichen Gründen nicht stattfinden.

2.3. Lamarck

aus FACH_BIO:

Die Hauptthese des Lamarckismus ist die, daß sich alle auf der Erde vorhandenen Arten in ständiger Weiterentwicklung befinden. Demnach kann von der Entwicklungsstufe einer Art auf deren Alter geschlossen werden. Da auch niedere Arten existieren, die demnach wesentlich jünger sind als hochentwickelte, muß es so etwas wie spontane Urzeugung geben. Diese postulierte Lamarck, was der Grund dafür war, daß seine Thesen später sehr umstritten waren:


2.4. Malthus

Nach Malthus gibt es immer mehr Nachkommen, als überleben und sich fortpflanzen können. Deshalb wird ausgewählt, wer sich fortpflanzt und in einer sich gegenseitig fressenden Welt überleben halt die am besten Angepaßten, pflanzen sich und ihre Gene fort, während schlechter Angepaßte aussterben.

2.5. Cuvier

Cuvier begründete die Wissenschaft der Paläontologie, die vorgeschichtliche Lebensformen erforscht.

Er untersuchte die Anatomie verschiedener Lebewesen, verglich sie sorgfältig und betrachtete systematisch alle Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten. Später dehnte Cuvier sein System auch auf Fossilien aus. Seinem erfahrenen Blick blieb es nicht verborgen, dass Fossilien nicht nur lebenden Organismen glichen, aber Eigenschaften hatten, die sie einteilbar machten in einen von wenigen Stämmen. Die Fossilien schienen, wie sie von Cuvier gesehen wurden, Belege für eine Entwicklungslehre der Arten zu sein: Je tiefer und älter ein Fossil war, desto mehr unterschied es sich von den bestehenden Lebensformen. Einige Fossilien konnten in eine solche Anordnung gebracht werden, dass ein allmählicher Wandel erwiesen schien.

Da jedoch Cuvier ein frommer Mann war, konnte er die Möglichkeit evolutionärer Veränderungen nicht akzeptieren. Statt dessen nahm er den anderen Standpunkt ein, dass die Erde, obgleich sie sehr alt sei, periodisch Katastrophen durchgemacht hätte, die alles Leben ausgelöscht hätten. Nach jeder solchen Katastrophe würden neue Lebensformen erscheinen, wodurch auch immer (Urschöpfung), die sich von den vorher existierenden vollständig unterschieden. Moderne Lebensformen (einschließlich derjenigen des Menschen) wären nach der letzten Katastrophe entstanden. Nach dieser Ansicht musste man keine evolutionären Prozesse annehmen, um die Fossilien zu erklären. Die biblische Geschichte, die nur auf die Zeit nach der letzten Katastrophe  angewandt werden sollte, konnte somit unangetastet bleiben.

Man hielt die Sintflut für die jüngste derartige Katastrophe, die alles Leben vernichtet hätte, hätte Noah nicht von jeder Lebensform zwei Exemplare mit in die Arche genommen hatte. Frühere Formen seien nur als Fossilien überliefert.

Zur Erklärung der Verteilung der Fossilien genügten nach Cuviers Auffassung vier Katastrophen. Als man aber mehr und mehr Fossilien entdeckte, wurden die Dinge immer komplizierter, und einige von Cuviers Anhängern postulierten schließlich nicht weniger als siebenundzwanzig Katastrophen.

Immer noch gingen man davon aus, dass alle Arten einzeln geschaffen und für alle Zeit unveränderlich seien.

Die Katastrophentheorie war die letzte wissenschaftliche Opposition gegen die Evolutionstheorie, und als sie zusammenbrach musste notwendigerweise auf irgendeine Art der Evolutionsbegriff formuliert werden. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren die Umstände reif für eine solche Entwicklung, und der Mann, der sie zustande bringen sollte, war zur Stelle.

2.6. Lyell

Der englische Geologe Sir Charles Lyell widerlegte in seinem zweibändigen Werk Principles of Geology (1830-1833) die bis dahin akzeptierte Katastrophentheorie, jedoch nicht die Auffassung von der Unveränderlichkeit der Arten. Lyell war der Begründer des Aktualismus, nach der Kräfte und Erscheinungen der Vorzeit mit heutigen Beobachtungen übereinstimmen. Er vertrat die Ansicht, dass sich die Erdoberfläche infolge natürlicher Kräfte, die über lange Zeit in derselben Weise auf sie einwirken, ständig verändert. Damit begann der Glaube an die Katastrophentheorie auszusterben. 

2.7. Ernst Haeckel

aus FACH_BIO:

Man beobachtet, daß sich Embryonen verwandter Tierarten in frühen Entwicklungsstadien gleichen. Je enger zwei Arten miteinander verwandt sind, desto später (in der Ontogenese) geht die Entwicklung auseinander.

Daher wurde Haeckel ein Verfechter der Parallelismustheorie:

Jedes höhere Tier durchläuft demnach in seiner Entwicklung die unter ihm stehenden bleibenden Stufen.

Kritik zum Parallelismus: 

3. Darwin

3.1. Lebenslauf, familiärer Hintergrund

aus radix4_darwinismus:

3.1.1. Lebenslauf

Charles Darwin wurde "als fünftes von sechs Kindern am 12. Februar 1809 in Shrewsbury" (HEMLEBEN, 1968: 11) in England geboren. 1839 heiratete er seine Cousine Emma, mit der er sechs Söhne und vier Töchter zeugte. Leider starben drei davon im Kindesalter, aber Darwin konnte ja nicht wissen, daß Inzucht zu ernsten Erbschäden führen kann.

Darwins Großvater war Arzt, konnte als Naturforscher aber schon erste Ansätze einer Abstammungslehre entwickeln, was wohl auch den Enkel beeinflußt haben dürfte.

3.1.2. Weltreise zu Forschungszwecken

Charles Darwin führte schließlich umfassende Reisen um die Welt.An Bord der Beagle reiste Darwin von 1832 bis 1836 über die Kanarischen und Kapverdischen Inseln nach Brasilien. Von dort über die Falklandinseln und die Südspitze Amerikas nach Chile, Peru und schließlich auf die Galapagos-Inseln, die für die Entwicklung seiner Evolutionstheorie von großer Bedeutung waren. Von den Galapagos-Inseln aus ging Darwins Reise weiter über Tahiti nach Neuseeland, Australien, Tasmanien, die Keeling Islands und Mauritius. Um das Kap der Guten Hoffnung ging es schließlich nach Ascension und nochmals nach Bahia in Brasilien, bevor die Beagle nach Großbritannien zurückkehrte.

An Bord der Beagle stellte Darwin fest, dass viele seiner eigenen Beobachtungen mit Lyells aktualistischer Auffassung übereinstimmten. Andererseits zweifelte er aufgrund seiner Beobachtungen an fossilen und lebenden Pflanzen und Tieren Lyells Auffassung an, dass jede Art einzeln geschaffen sei. Er stellte beispielsweise fest, dass Fossilien ausgestorbener Arten Ähnlichkeiten mit lebenden Arten desselben geographischen Bereichs aufwiesen.

Vor allem der Aufenthalt auf den Galápagos-Inseln vor der Küste Ecuadors führte ihn zum Studium über die Entstehung von Arten. Dort beobachtete er, dass es auf jeder Insel eine eigene Art von Schildkröten, Spottdrosseln und Darwinfinken gab; diese waren zwar eng verwandt, unterschieden sich jedoch von Insel zu Insel in ihrem Körperbau und ihren Nahrungsspezialisierungen. Diese beiden Beobachtungen führten Darwin zu der Frage, ob verschiedene, einander ähnliche Arten aus einer gemeinsamen Stammform hervorgegangen sein könnten.

3.1.3. Seine Werke

Dissertation "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Selektion" 1859

Über zwanzig Jahre nach seiner Rückkehr von der Weltreise mit der Beagle veröffentlichte Darwin schließlich in seinem 1859 erschienenen Hauptwerk "On the Origin of Species by Means of Natural Selection" - zu Deutsch: "Über den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" - jene Theorie, die als "Evolutionstheorie" in die Wissenschaftsgeschichte eingehen sollte. Dieses Buch "wurde zu dem meistgelesenen wissenschaftlichen Werk seines Jahrhunderts." (HEMLEBEN, 1968: 105)

Dissertation „The Variation of Animals and Plants Under Domestication“ 1868

Darwin beschäftigte sich immer wieder mit der Frage, ob jede Art einzeln geschaffen worden sein könnte. Dem widersprach die Tatsache, daß eine abgestufte Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Arten zu beobachtend war. Diese Dissertation beschäftigte sich genauer mit der Frage des Artbegriffs, hat aber kaum wissenschaftliche Bedeutung.

Dissertation "Die Abstammung des Menschen und geschlechtliche Selektion" 1871

1871 erschien mit "The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex" ("Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl") das zweite Hauptwerk Darwins, das bereits erste Ansätze des später aus dem Darwinismus abgeleiteten Sozialdarwinismus zeigt. Darauf werden wir später noch eingehen.

Dissertation „The Expression of the Emotions in Animals and Man“ 1872

Dieses Werk erlangte kaum Bedeutung.

3.1.4. Das Ende

Tod Darwins 1882. Er hinterläßt einen Spalt in der Gesellschaft.

Am 19. April 1882 stirbt Darwin schließlich in Down als weltweit geachteter, aber gleichzeitig umstrittener Naturwissenschafter und wird in der Westminster Abbey feierlich beigesetzt.

3.2. Darwins Evolutionstheorie

3.2.1. Entstehung

Zum Zeitpunkt des Besuches der Beagle auf den Galapagos-Inseln war nur eine einzige der Inseln bewohnt. Die Bevölkerung bestand fast ausschließlich aus Strafgefangenen und lag bei ungefähr 200 Personen "governed by an Englishman, Nicholas Lawson, in the name of the state of Ecuador. Whalers visited regularly to obtain water and to collect some of the giant tortoises for food." (BOWLBY, 1990: 167)

Abgesehen davon waren die Inseln jedoch völlig sich selbst überlassen, was sie zum idealen Forschungsobjekt für Charles Darwin machte. Für die Entwicklung der Evolutionstheorie war zudem von Bedeutung, daß die Inseln vom Festland weit entlegene Vulkaninseln darstellen, die im Laufe der Geschichte nur von relativ wenigen Arten erreicht worden sind. Diese wenigen Arten differenzierten sich jedoch auf den einzelnen Inseln des Archipels und auch innerhalb dieser Inseln stark heraus.

So gibt es auf den Galapagos Inseln für jede Insel eine andere Rasse der Riesenschildkröte Testudo elephantopus, die jeweils eine eigene Form des Rückenpanzers entwickelt hat. Sogar 13 verschiedene Arten haben sich aus jenen Finken entwickelt, die vor Jahrtausenden aus Südamerika auf die Galapagosinseln verschlagen wurden. Diese heute nach Charles Darwin benannten "Darwin-Finken" hatten sich im Laufe der Zeit verschiedenen Lebenweisen und -räumen optimal angepaßt. Die Farben der Finken unterscheiden sich ebenso wie die Formen ihrer Schnäbel, die dem Verzehr von Insekten, Beeren oder dem Stochern in Baumrinden angepaßt sind.

Eine ähnliche Entdeckung hatte Darwin zuvor bereits auf den Falklandinseln vor der Ostküste Patagoniens gemacht, die er im März 1833 und im März 1834 mit der Beagle besucht hatte "where foxes were found to differ between islands in small but significant ways" (BOWLBY, 1990: 169)

Die später vielfach tradierte romantische Vorstellung, Darwin hätte auf den Galapagosinseln die Evolutionstheorie "erfunden", entspricht sicher nicht der Realität. Nicht umsonst dauerte es noch über zwanzig Jahre nach seiner Rückkehr nach England, bis er diese bahnbrechende Theorie in seinem Werk "On the Origin of Species by Means of Natural Selection" der Öffentlichkeit vorstellte. Auf den Galapagosinseln konnte Darwin allerdings noch keine Theorie entwickeln, "but he was raising some radical questions." (BOWLBY, 1990: 170)

3.2.2. Zusammenfassung

Zentrale Hypothesen der Darwinschen Abstammungslehre:

Evolutionshypothese:

Welt ist nicht unveränderlich, sondern das Produkt eines kontinuierlichen Evolutionsprozesses

Abstammungshypothese:

Alle Organismen stammen durch einen kontinuierlichen Verzweigungsprozess von gemeinsamen Vorfahren ab

Allmählichkeitshypothese:

Evolution vollzieht sich nicht sprunghaft, sondern in allmählich in kleinen Schritten

Selektionshypothese:

wirksames Prinzip des Wandels ist die natürliche Selektion durch die Umwelt


Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Selektion besagt im Wesentlichen, dass die Individuen einer Population alle verschieden voneinander sind. Von diesen sind bestimmte Individuen an die herrschenden Umweltbedingungen besser angepasst als andere und haben damit größere Überlebens- und Fortpflanzungswahrscheinlichkeiten. Die genetische Beschaffenheit dieser besser angepassten Individuen wird durch Vererbung an folgende Generationen weitergegeben. Dieser schrittweise (graduelle) und kontinuierliche Prozess bewirkt die Evolution der Arten.

 Darwin behauptet, daß "die Arten während einer langen Deszendenzreihe modifiziert worden sind. Dies ist hauptsächlich durch die natürliche Zuchtwahl zahlreicher, nacheinander auftretender, unbedeutender günstiger Abänderungen bewirkt worden, in bedeutungsvoller Weise unterstützt durch die vererbten Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs von Theilen, und, in einer vergleichsweise bedeutungslosen Art, nämlich in Bezug auf Adaptivbildungen, gleichviel ob jetzige oder frühere, durch die direkte Wirkung äußerer Bedingungen und das unserer Unwissenheit als spontan erscheinende Auftreten von Abänderungen." (DARWIN, 1988: 554)

Darwin, insbesondere aber seine Anhänger sahen die ständige Konkurrenz, den ständigen Kampf aller Individuen innerhalb einer Art um die bestmögliche ökologische Anpassung und den Kampf zwischen den Arten für den eigentlichen Motor der Evolution.

Darwin geht davon aus, daß "die Struktur eines jeden organischen Gebildes auf die wesentlichste, aber oft verborgene Weise zu der aller anderen organischen Wesen in Beziehung steht, mit welchen es in Concurrenz um Nahrung oder Wohnung kommt, oder vor welchen es zu fliehen hat, oder von welchen es lebt." (DARWIN, 1988: 95) Und diese Konkurrenz ist nun eben für Darwin der Hauptmotor für die Evolution.

3.3. Inhalte des zweiten Hauptwerks Darwins, "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl"

Darwin überträgt seine Thesen aus (DARWIN, 1988) teilweise auf den Menschen.

Die Publikation von Darwins zweitem Hauptwerk über "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" läßt jedoch durchaus den Schuß zu, daß Darwin selbst die Übertragung seiner Evolutionstheorie auf den Menschen inclusive dem "survival of the fittest" und der Zuchtwahl durchaus befürwortete, wenn auch vermutlich nicht mit den Konsequenzen, die sozialdarwinistisches Denken schließlich in Europa anrichten sollte.

So meint Darwin etwa, "wenn ein Stamm viele Mitglieder besitzt, die aus Patriotismus, Treue, Gehorsam, Mut und Sympathie stets bereitwillig anderen helfen und sich für das allgemeine Wohl opfern, so wird er über andere Völker den Sieg davontragen; dies würde natürliche Zuchtwahl sein." (DARWIN, 1966: 170)

"Wenn wir aber absichtlich die Schwachen und Hilflosen vernachlässigen wolle, so wäre das nur zu rechtfertigen, wenn das Gegenteil ein größeres Übel, die Unterlassung aber eine Wohltat herbeiführen würde" (DARWIN, 1966: 172)

Wenn Darwin gewußt hätte, daß die Nazis fünfzig Jahre später nicht nur die Wohltat der Vernachlässigung, sondern auch die Wohltat der Ermordung von "Schwachen und Hilflosen" praktizieren würden, wäre er sicher vorsichtiger gewesen in seiner Behauptung, wir müßten "uns daher mit den ohne Zweifel nachteiligen Folgen der Erhaltung und Vermehrung der Schwachen abfinden. Doch scheint wenigstens ein ständiges Hindernis dieses Vorgangs zu existieren, nämlich die bei den schwachen und inferioren Mitgliedern geringere Neigung zum Heiraten als bei den Gesunden. Dies Hindernis könnte noch viel wirksaer werden, wenn die körperlich und geistig Schwachen sich der Ehe enthielten." (DARWIN, 1966: 172)

4. Vom Darwinismus zum Sozialdarwinismus

"Da mehr Individuen erzeugt werden, als fortbestehen können, muß in jedem Falle ein Kampf um die Existenz eintreten, entweder zwischen den Individuen einer Art oder zwischen denen verschiedener Arten." (DARWIN, 1988)

aus POLITIK5:

4.1. Sozialdarwinismus - Definition

Ein Begriff, der unter Historikern verwendet wird für:

Die Übertragung des Gedanken vom ständigen Kampf Aller gegen Alle, dem "struggle of existance" und dem "survival of the fittest" auf menschliche Gesellschaften.

Nach Darwin erfolgt eine natürliche Selektion, bei der nur der stärkste Vertreter einer Gattung und nur die stärksten Gattungen im Kampf um die Existenz erfolgreich sein können. Dieses Prinzip und das des "Survival of the fittest" (H. Spencer) wurde später auch auf die menschliche Gesellschaft angewandt. Es fand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Naturalisierung und Brutalisierung des sozialen und politischen Denkens statt. Ethische Ideale stellten keine Werte dar, die das Überleben einer bestimmten Gruppe von Individuen sicherten. Der amerikanische Schriftsteller Huxley verglich das Leben mit einer Arena, in der jeder Mensch ein Gladiator sei und nur die besten Kämpfer überleben könnten. In der menschlichen Gesellschaftstheorie traten die Begriffe "Kampf ums Dasein" und vom "ewigen Kampf um Selbstbehauptung" in den Vordergrund. Die damals aufkommende Lehre von der "weißen Rasse" und ihrer edelsten Erscheinungsform, der "nordischen Unterrasse"  rechtfertigte die Unterwerfung von ganzen Völkern. Ihre Überlegenheit wurde weltweit propagiert (Kolonialismus) und als Machtinstrument auf dem gesamten Erdball mißbraucht.

 "Der Sozialdarwinismus wurde zum Instrument all derer, die gleich, in welchem Interesse, sei es der Klasse, der Nation, der Rasse oder nur der wirtschaftlichen Interessen, den rücksichtslosen und kompromißlosen Kampf ums Dasein predigten." Der Sozialdarwinismus kann Ende des 19. Jahrhunderts u. a. als Legitimation der westlichen Nationen gesehen werden politische und wirtschaftliche Interessen, sowie die starke Kolonialisierung mit Macht voranzutreiben.

4.2. Der Begriff "Kampf ums Dasein"

Dieser Begriff ist Ausdruck einer natürlich ablaufenden Selektion. Kaum ein anderer Begriff der Darwinschen Selektionstheorie ist so unverstanden verwendet worden wie dieser.

Der Mittelgrundfink (Geospiza fortis), einer der Vögel, die Darwin auf den Galapagos- Inseln fand, knackt mit Hilfe seines kräftigen Schnabels Samen. Hat der Vogel die Wahl zwischen kleinen und großen Samen, so frisst er überwiegend kleine, die leichter zu knacken sind. In feuchten Jahren werden kleine Samen in einer solchen Fülle produziert, dass die Grundfinken nur relativ wenige große Samen zu sich nehmen. Das ändert sich jedoch in trockenen Jahren, in denen sowohl kleine als auch große Samen knapp sind, und die Vögel einen größeren Anteil großer Samen verzehren als üblich. Der Wandel der Ernährung geht mit einer Veränderung der durchschnitt­lichen Schnabelhöhe (dem Abstand von Schnabeloberseite zu unter­seite) der Vögel einher. Feldstudien, in denen Jungvögel mit ihren Eltern verglichen wurden, bestätigten, dass dieses Merkmal vererbt und nicht erworben wird (etwa durch Trainieren des Schnabels an großen Samen). Am besten lässt sich dieses Phänomen wie folgt erklären: Vögel, die zufällig kräftigere Schnäbel besitzen, sind während Dürrezei­ten hinsichtlich ihrer Ernährung im Vorteil und bringen dadurch mehr Junge durch. Diese haben von ihnen das Merkmal geerbt.

aus FACH_BIO:

Wer kämpft gegen wen beim "Kampf ums Dasein"?

Der Kampf ums Dasein versteht sich als eine Selektion nach Umweltkriterien wie z.B. Nahrungsressourcen oder Jäger-Beute-Verhältnisse. Beispiel: der Einfluß eines Fuchses auf den Selektionsdruck einer Hasenpopulation:

Der Fuchs wird denjenigen Hasen schlagen, der die am wenigsten wirksame Fluchtstrategie besitzt:

Nicht die Hasen kämpfen untereinander, sondern die Erfolgsstrategie Jäger-Beute ist maßgebend für das Überleben. Diese Erfolgsstrategie ist genetisch bedingt.

4.3. Survival of the fittest

Woher stammt der Begriff "survival of the fittest"?

Spencer wird häufig als einer der ersten Soziologen bezeichnet und ist noch heute wegen seiner Untersuchung des sozialen Wandels bekannt, die er vom Standpunkt der Evolutionstheorie aus führte. Spencer wurde in Derby geboren und war weitgehend ein Autodidakt, der durch seine unabhängige Beschäftigung mit Literatur einen Einblick in die Evolutionstheorie Lamarcks gewann. Spencer argumentierte zunächst mit dem Larmarckismus, wandte sich dann später aber dem Darwinismus zu.

Spencer prägte auch den Begriff „survival of the fittest“.

Das Missverständnis der nationalsozialistischen Interpretation des Sozialdarwinismus geht im wesentlichen auf den von Herbert Spencer propagierten Evolutionsbegriff zurück. Ursprünglich sprach Darwin vom Prinzip der ‚natürlichen Zuchtwahl‘ und hat erst in der letzten Auflage seines Werks diesen Begriff durch den von Spencer propagierten Ausdruck  ‚Überlebens des Tüchtigsten‘ eingeführt.

aus FACH_BIO:

Spencer fasste Evolution immer als Fortschritt auf, als Entwicklung vom Homogenen zum Heterogenen, als Entfaltung bereits innewohnender Möglichkeiten. Er stand damit dem Lamarckismus sehr nahe, obwohl er ein glühender Verfechter der wisschenschaftlichen Evolutionstheorie war:

der einzelne Hase stirbt, die Rasse überlebt durch Anpassung

Ernst Haeckel:

„Das Gesetz des Fortschritts finden wir dann weiterhin in der historischen Entwicklung des Menschengeschlechts überall wirksam. Ganz natürlich: Denn auch in den bürgerlichen und geselligen Verhältnissen sind es dieselben Prinzipien, der Kampf ums Dasein und die natürliche Züchtung, welche die Völker unwiderstehlich vorwärtstreiben und stufenweise zu höherer Kultur erheben...... Denn dieser Fortschritt ist ein Naturgesetz, welche keine menschliche Gewalt, weder Tyrannenwaffen, noch Priesterflüche, jemals dauernd zu unterdrücken vermögen.“ (1863)

4.4. Merkmale des Sozialdarwinismus:

4.5. verschiedene Ausprägungen der sozialdarwinistischen Ideologie

aus MEU_RAS:

5. Die Auswirkungen

Basis: Texte aus SOZ_DARW

5.1. Vom Sozialdarwinismus zur Eugenik

"Unser Mitleid mit dem asozialen Ausfallbehafteten, dessen Minderwertigkeit ebensogut durch irreversible, frühkindliche Schädigungen verursacht sein kann wie durch erbliche Mängel, verhindert, daß der Nicht-Ausfallbehaftete geschützt wird." (Nobelpreisträger Prof. Konrad Lorenz, 1973)

Auf diese Theorien Malthus, Lyells, Lamarcks und Darwins stützten sich am Ende des 19. Jahrhundert nun die Gründerväter der Eugenik (also die Forschung von der Erbgesundheit mit dem Ziel erbschädigende Einflüsse und Verbreitung von Erbkrankheiten zu verhüten) und Rassenhygiene Francis Galton, ein Vetter Darwins, und der Deutsche Alfred Ploetz.

1875 hat Galton Ziele und Methodik der Eugenik wie folgt abgesteckt: "Mit Stammbaum- und Zwillingsforschung wird die Erblichkeit körperlicher und geistiger Fähigkeiten der Menschen nachgewiesen. Die Untauglichen vermehren sich zu stark, die menschliche Rasse sieht ihren Untergang entgegen, wenn nicht durch "züchterische" Maßnahmen, die die Vernichtung der "minderwertigen" einschließen, in den Evolutionsprozeß eingegriffen wird."

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erschienen verschiedene populärwissenschaftliche Zeitschriften, in denen eugenische Fragestellungen diskutiert wurden. Hier sei vor allem die "Politisch-Anthropologische Revue" genannt, die von Woltmann und Buhmann, und später von Schmidt-Gibichenfeld herausgegeben wurde und seit 1902 jährlich erschien. Eine große Rolle spielte auch das "Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie", unter deren Herausgebern Alfred Ploetz zu finden war. Er und W. Schallmeyer, der des öfteren in "Natur und Staat" publizierte, gelten als die Väter der deutschen Rassenhygiene.

In Deutschland war es Alfred Ploetz, der mit den "Grundlinien einer Rassen-Hygiene" die Rassenhygiene als Pendant zur englischen Eugenik begründete, die eine spezielle Wissenschaft mit sozialpraktischen Auswirkungen sein sollte, die den "Schutz der Schwachen" einschränken wollte, um die Förderung bzw. Vervollkommnung der Menschheit vermittels des Erbguts zu erreichen.1905 gründete Ploetz zusammen mit anderen die "Gesellschaft für Rassenhygiene". Durch Gründung spezieller Forschungseinrichtungen und Lehrstühlen an den Universitäten, spätestens aber seit dem Bestehen des Kaiser-Wilhelm-Instituts (heute Max-Planck-Institute) für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (1927 in Berlin gegründet) wurde die Rassenhygiene zu einer international anerkannten Wissenschaft. Zudem gelang es durch die Forschungseinrichtungen gewonnene "Erkenntnisse", sozialpolitische Maßnahmen einem breiten Publikum nahezubringen und damit Emotionen gegen die bedrohlichen "Minderwertigen" zu schüren.

Diese Entwicklung ist aus heutiger Sicht schwer verständlich, da es weltweit anerkannte Menschenrechte gibt und eine Vorstellung von Moral in der Bevölkerung existiert, wie sie damals noch nicht ausgebildet war. Vielerorts wird behauptet, daß Sozialdarwinismus keine Moral kennt, die Vernichtung lebensunwerten Lebens fordere und deswegen als inhuman anzusehen sei. Dieses Thema muß jedoch differenziert betrachtet werden: Dem heute verbreiteten Begriff der "Humanitätsmoral" steht die eugenische "Entwicklungsmoral" entgegen. Das höchste Ziel der Humanitätsmoral besteht darin, jedem Individuum eine Grundlage an Freiheiten zu garantieren, um das maximal mögliche Wohl der Gesamtheit zu erreichen.

Die Entwicklungsmoral hingegen, wie sie von Sozialdarwinisten vertreten wird, sieht als Hauptziel die Verbesserung der menschlichen Kondition, also der Gesamtheit der menschlichen Eigenschaften. Diese gilt es zu optimieren, wobei jedoch die Ziele nicht immer klar vor Augen lagen, denn es fehlte das Idealbild des Menschen.

Nun ist eine solche Entwicklungsmoral selbstverständlich etwas fehlgeleitet, aus zweierlei gravierenden Gründen:

  1. Niemand kann sich anmaßen, das Idealbild des Menschen zu kennen. Auch wenn nach Platon'scher Lehre die Gedankenwelt ideal ist, ist sie doch beschränkt auf das, was wir uns vorstellen können. 

  2. Niemand kann sich vorstellen, welche Qualitäten es sind, die für das Überleben der Art Mensch in den nächsten hunderttausend Jahren notwendig sein werden. Vielleicht ist z.b. schon in dreißig Jahren das Ozonloch der Stratosphäre so groß, daß Menschen mit einer hellen Haut schon nach kurzer Zeit in der Sonne mit Melanomen rechnen müssen, vielleicht ändert sich die Zusammensetzung der Atmosphäre dahingehend, daß die heutige Physiologie des Menschen nicht genügend Abwehrstrategien besitzt, um in dieser Umgebung überleben zu können. Und das sind ungeklärte Fragestellungen, die die nächsten Jahrzehnte betreffen. Vor diesem Hintergrund erscheint es lächerlich, die Evolution, die sich im Zeitraum von zigtausenden von Jahren abspielt, gezielt steuern zu wollen, um Eignung für noch nicht definierbare Anforderungen herzustellen.

Wie unvorhersehbar die noch fernere Zukunft ist, zeigt folgendes Gedankenspiel: Vielleicht führt die Erhebung des Menschen über die Natur dazu, daß völlig neue soziale Qualitäten vonnöten werden, um die Menschheit als ganzes überlebensfähig zu machen. Möglicherweise kann der Mensch nur überleben, wenn er in der Lage ist, synergetisch mit den anderen Mitgliedern der Gesellschaft eine Gemeinschaft zu leben, und zwar so, daß sie in der Priorität über den individuellen Bedürfnissen stehen. Das ist selbstverständlich nicht der Fall, und der Versuch, durch gesellschaftliche Umsetzung dieses Paradigmas die Lebensqualität zu erhöhen (siehe Kommunismus, Nationalsozialismus), kann aus heutiger Sicht als gescheitert angesehen werden. Wer weiß, vielleicht kann eine Spezies wie der Mensch durch veränderte Erbanlagen eine Art kollektives Bewußtsein nach Vorbild eines Ameisenstaates leben, und so wie ein großer Organismus überleben. Aber kein Mensch, mag er noch so genial sein, kann sich anmaßen, solch eine Art aus seinem Kenntnisstand heraus schaffen zu können. Ein Resultat der Evolution kann sich nicht über die Gesetze der Evolution stellen und versuchen, diese nach seinen Vorstellung zu beeinflussen, denn die Natur übersteigt die Vorstellungskraft des Menschen um Dimensionen.

Wer das dennoch tut, stellt sich auf eine Ebene mit Gott.

 

Zurück zum Thema:

Eine große Angst der Rassenhygieniker war der "Völkertod": der Untergang der Zivilisation durch mangelnde Reproduktion.

Da der Motor der Evolution die Selektion ist, die als Basis das Malthus-Argument fordert, könne beim Menschen keine Evolution mehr stattfinden - da der Selektionsmechanismus nicht mehr greift, droht die "Entartung", die die Wissenschaftler jener Zeit in vielen Ausprägungen zu sehen glaubten - Erbkrankheiten, aber auch "normale" körperliche Merkmale, ja sogar Charaktereigenschaften wurden als Entartungen bezeichnet, Menschen wurden nach der "Hochwertigkeit" ihrer Gene eingestuft. Der Rückgang der Geburtenzahlen in höher zivilisierten Ländern wurde als erstes Anzeichen für den Völkertod gesehen, denn schließlich würde so die Selektion nach den Malthus'schen Lehren außer Kraft gesetzt.

Es wurde weiterhin die Behauptung aufgestellt daß Rassenmischung zu verminderter Fruchtbarkeit (und damit zum Völkertod) führe, oder daß Inzucht nötig sei um (wichtige) rassische Merkmale auszuprägen. Das waren zentrale Thesen, die später zur Legitimation von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit herangezogen wurden.

Die Entartungsgefahr in Europa wurde darin gesehen, daß mit zunehmender Verstädterung die Tendenz entstünde, daß sich die höheren Gesellschaftsschichten zu wenig fortpflanzen und gerade die "minderwertigen", weil sozial schwachen massenhaft Nachkommen produzieren und so die Bevölkerung mit schlechtem Erbgut durchsetzt werde. Man forderte daher staatliche Maßnahmen, die teils umgesetzt wurden, teils aber utopisch anmuteten: 

Im ARGB1 forderte Ploetz die Einrichtung von Ehe-"beratungs"-stellen, die aufgrund einer eugenischen Einordung der Heiratskandidaten über die Erlaubnis oder aber dem Verbot der Ehe zwischen besonders minderwertigen Subjekte entscheiden sollten. Dies sollte zur Pflicht für alle Heiratswilligen gemacht werden. Es gab aber auch Gegenstimmen, die die Freiheit der Fortpflanzung einzuschränken ablehnten, da es sonst viele große Dichter und Denker nie geben würde. (v.d. Velden in der PAR1908: "Hätten Sie wohl dem Vater Schillers die Erlaubnis zur Zeugung seines schwindsüchtigen Sohnes gegeben?")

Hier wird deutlich, wie vielschichtig doch das Erbmaterial eines Menschen ist und daß die Selektion nach kulturellen Idealen der Ausprägung von neuen, aber unbekannten, aber wichtigen Merkmalen nicht im geringsten förderlich ist. Woher sollen Menschen wissen, welche Erbanlagen einmal das Überleben der Gruppe sichern können? Es ist z.b. eine Form der Sichelzellenanämie gefunden worden, die ihre Träger resistent macht gegen das HI-Virus. Was wäre, wenn durch menschlich induzierte Selektion und Maskierung von Erbanlagen diese Krankheit inzwischen nicht mehr existierte? Das könnte den Kampf gegen AIDS um Jahre zurückwerfen. Diese kritische Haltung war den Sozialdarwinisten und Eugenikern jener Zeit völlig fremd.

Bemerkenswert bleibt deshalb der Enthusiasmus, mit dem man auf die in Aussicht gestellten Möglichkeiten der Eugenik entgegensah und mit welcher Naivität schwerwiegende, gar absurde Eingriffe in das menschliche Zusammenleben gefordert wurden. Man (hier: v. Ehrenfels in ARGB 4)  forderte z.b. die Einführung von Polygamie und strenge Selektion (1 von 1000) der fortpflanzungsberechtigten Männer, da einige wenige Männer ausreichten, um "sämtliche gebärfähige Frauen der Erde zu begatten".

Hierzu ein weiteres Beispiel: 

Die sog. "Mittgartidee", geprägt von Martius, war ein Ansatz zur gezielten Heranzüchtung einer neuen, besseren Generation durch den Staat in eigens dafür eingerichteten Zentren, die von der Außenwelt abgeschieden wären und deren Insassen ebenso staatlich und nach strengsten "wissenschaftlichen" Kriterien ausgewählt würden. Die Größe einer solchen Mittgartsiedlung sollte etwa 1000 Frauen und 100 Männer betragen (Aus: Willibald Hentschels Vorschlag zur Hebung unserer Rasse im ARGB1).

Wie kam es nun zur unwidersprochenen Ausprägung solcher Meinungen, die von der Projektierung her durchaus durchführbar wären, aber den Prinzipien jeglichen gesellschaftlichen Lebens widersprechen?

Neben der wirklich ernstgenommenen Befürchtung, die europäische Zivilisation sei wie das alte Rom etc. dem Untergang geweiht, muß bedacht werden, daß die Biologie, wie auch andere Naturwissenschaften zu jener Zeit gerade ihre Blüte erlebten, und das öffentliche Interesse an neuen Erkenntnissen, aber auch an Theorien und Spekulationen sehr hoch war. Die Aufklärung war auch noch nicht allzu alt und es gab noch viel mehr mystizistische Attitüden als das heutzutage der Fall ist. Vor jener Zeit war die Kirche noch Erklärungslieferant Nr. 1 und sie leistete erbitterten Widerstand gegen die Erfüllung dieser Rolle durch die Wissenschaft, aber die kirchlichen, irrationalen Denkweisen waren noch in den Köpfen der Menschen verankert. Und im gleichen Maße, wie die Naturwissenschaften Leuchtende Zukunftsperspektive schufen, brachten sie diffuse Ängste mit sich, die auf dem hier beschriebenen Wege zu ihrer Entfaltung kamen.

5.2. Von der Eugenik zur Euthanasie im 3.Reich

aus SOZ_EUGENIK:

Die Auslese- und Vernichtungsideologie nahm bereits Mitte der 20er Jahre mit der Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" von dem Psychiater Hoche und dem Juristen Binding bedrohliche Formen an: "Die unheilbar Blödsinnigen... haben weder den Willen zu Leben noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müßte. Ihr leben ist absolut zwecklos, .... Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sie eine furchtbare schwere Belastung. Ihr Tod hinterläßt nicht die geringste Lücke..." (Binding/Hoche, 1920. Eine Würdigung dieser Schrift erschien noch 1934 in einem Bulletin der "Internationalen Vereinigung sozialistischer Ärzte"!)
Fortan wurde eifrig an der "Rasseveredelung" gearbeitet und über "Verbrechensbekämpfung" diskutiert. Unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges propagierten sie die Tötung von "Ballastexistenzen" um künftig Kosten einzusparen. Wichtigstes Hilfsmittel zur Vermittlung der rassistischen Ideen waren die Medien, vor allem der Film, in dem der Gegensatz zwischen dem Idealbild des gesunden, schönen und arbeitsfähigen Deutschen und dem Zerrbild des hilflos dahinvegetierenden, unproduktiven Behinderten, der selbst unter seiner Existenz leidet, besonders eindrucksvoll "dokumentiert" werden konnte. In den "NS-Monatsheften" wird 1930 "Tod dem lebensunwerten Leben" gefordert.1936 erschien der Roman, der auch verfilmt wurde "Sendung und Gewissen" dessen Verfasser Helmut Unger seit 1933 Pressechef des "Reichsärzteführers" Wagner war. Die Handlung: Die Ehefrau eines Arztes ist unheilbar krank, erbittet von ihrem Mann den Tod und erhält von ihm das tödliche Gift -aber erst, nachdem den LeserInnen in eindrücklichen Szenen geschildert wurde, wie sehr sie selbst unter diesem Dasein leidet und wie wenig Wert sie ihrem eigenen leben beimißt. Der Ausgang der Handlung: Der Arzt, selbstverständlich Mitglied der Nazi-Partei, bekennt sich vor Gericht heroisch zu seiner Tat und wird freigesprochen.
Weitere Schritte bis zum Beginn von Massentötungen im Herbst 1939 sind KZ-Einweisungen von "Asozialen" nach dem Ermächtigungsgesetz von 1933 und massenhafte Zwangssterilisationen, die im Juli 1933 beschlossen und Jahre zuvor öffentlich diskutiert worden waren. Die Verstümmelungsaktion reichte den Nazis nicht aus, sie wollten die totale Vernichtung des sogenannten "lebensunwerten Lebens". Bereits 1934 erklärte der bayrische Staatskommissar für Gesundheitswesen Dr. Schulte, daß die Zwangssterilisation nicht genüge, sondern daß, so wörtlich, "Psychopathen, Schwachsinnige und andere Minderwertige abgesondert und ausgemerzt werden müßten". Hitler äußerte sich zum ersten Mal öffentlich und konkret 1935 auf dem Nürnberger Parteitag zum Reichsärzteführer Wagner zu diesem Thema: "Er gedenke, im Kriegsfalle "Euthanasie" anzuwenden. ("Euthanasie" = griech. "leichter Tod") Die Debatte der vorangegangenen Jahre bereitete den Boden für das ab 1939 als "Euthanasie-Aktion" in die Tat umgesetzte Vernichtungsprogramm. In einem Runderlaß des Reichsinnenministers vom 18. August 1939 wurde allen GeburtshelferInnen eine Meldepflicht über Neugeborene mit erkennbaren Schädigungen auferlegt. Dasselbe schreiben verpflichtete Ärzte, behinderte Kinder bis zum dritten Lebensjahr zu melden. Die in Frage kommenden Fälle würden an sogenannte Gutachter weitergeleitet: Prof. Catel, Prof. Heintze und Dr. Wentzler, die einzig aufgrund der Einsicht in die Meldebögen, also ohne die Kinder gesehen zu haben, über Tod oder Leben entschieden. Die zur Ermordung vorgesehenen Kinder kamen in sogenannte "Kinderfachabteilungen" des Reichsausschußes. Bis zum Ende der Nazi-Herrschaft war dieser Reichsausschuß tätig. Ca. 5.000 Kinder, später nicht selten auch 10-12jährige. Am 19. Juli 1939 sprach Hitler mit dem Reichsleiter Bouhler über die Möglichkeit der Tötung erwachsener "Geisteskranker". Nach einigen Wochen erging an die "Kanzlei des Führers", die auch mit der Kinderermordung beauftragt war, der Mordauftrag für die Erwachsenen. Der Name der Aktion war T4, nach dem Sitz des zentralen Büros für diese "Angelegenheiten" in der Tiergartenstrasse 4 in Berlin.
Am 9. Oktober1939 gingen an alle Pflege- und Heilanstalten Meldebögen heraus. Die ausgefüllten Formulare wurden zum zentralen Büro der Aktion zurückgebracht, wo allein aufgrund dieses Materials über Leben und Tod entschieden wurde. (Eine solche Entscheidung nach einer persönlichen Begutachtung wäre aber nicht weniger schlimm oder legitimer.)
Am Ende des Jahres `39 waren alle Vorbereitungen zur Durchführung der geplanten Massen-Aktion abgeschlossen. In der 1. Hälfte des Januars 1940 fand das erste Vergasungs-Experiment, zur Einweisung der Tötungsärzte, zum Testen des Ablaufes und zum Prüfen der Gaskammerkapazität statt. 18-20 Personen wurden dabei in der Heilanstalt Brandenburg in den sogenannten "Duschraum" gebracht und vergast. Tötungsanstalten, in denen die Kranken in dieser ersten Phase der Aktion T4 umgebracht wurden, waren: Grafeneck bei Reutlingen, Brandenburg, Bernburg, Hadamar, Hartheim bei Linz und Sonnenstein in Pirna. Grundlage der Aktion T4 war ein formloses Geheimschreiben Hitlers: Weder Befehl noch Gesetz - es "ermächtigte" zum Morden. Auf Drängen des Justizministers, aber auch der beteiligten Ärzte wurde im Laufe des Jahres 1940 ein "Gesetz über die Sterbehilfe bei unheilbar Kranken" entworfen. Im Juli 1943 beschlossen die Professoren und Gutachter der T4 Aktion die Tötung von psychiatrischen Patienten, um Krankenbetten für Bombenkriegsopfer frei zu bekommen. Ebenso wurden ab 1943 in deutschen Heil- und Pflegeanstalten auch systematisch arbeitsunfähige Zwangsarbeiter umgebracht, und zwar sowohl angeblich oder tatsächlich psychisch Kranke als auch solche, die an Tuberkulose litten.
Bis 1945 wurden circa 250.000 Menschen von Ärzten zwangsweise sterilisiert, denunziert, verurteilt und operiert. 5000 starben an den Folgen des Eingriffes. 5000 Kinder wurden durch Ärzte erfasst, begutachtet, selektiert, verurteilt, eingeschläfert, "abgespritzt", dem Hungertod ausgesetzt und ermordet. 70 000 sogenannte geistig und körperlich behinderte Menschen, Altersschwache, Kriegsinvaliden und "Volksgenossen" wurden von Ärzten erfaßt, bewertet und ermordet. Die Anzahl der Kriegsgefangenen, Fremdarbeiter und Menschen, die systematisch durch Arbeit und Hunger unter Aufsicht von Ärzten vernichtet wurden, ist bis heute unbekannt. Hunderte von hilf- und wehrlosen Menschen wurden durch medizinische Versuche gequält, gefoltert und getötet. Forscherehrgeiz machte Verletzungen und Mord zum Mittel der wissenschaftlichen Karriere. Die Selektion an der Rampe, die Organisation und Durchführung der Tötung von Menschen waren ärztliche Aufgaben, die Medizin entwickelte die Technik des fabrikmäßigen Mordens und ermöglichte den Völkermord: 5 Millionen Menschen erschlagen, erschossen, bei lebendigen Leibe verbrannt, vergast und vernichtet. Der Massenmord wurde in der Ärzteschaft als Normalität akzeptiert.

6. Schluß

So schrecklich die Folgen des Sozialdarwinismus waren, wird doch verständlich, wie die Menschen jener Zeit mangels moralischer Grundkonzepte und in Anbetracht ihrer Ängste heutzutage seltsam anmutende Theorien entwickelten, denn auch diese Theorien hatten das Wohl der Gesamtheit im Sinn. Wenn es auch nicht die Gesellschaft der Gegenwart war, der diese Wohl zuteil würde, waren es doch moralisch nachvollziehbare Gedankengänge, die zu der Entwicklung der sozialdarwinistischen Thesen führten.

Das soll nicht bedeuten, daß der Autor dieses Referats die Ansichten der Sozialdarwinisten teilt, denn es wurden grobe Denkfehler begangen, und voreilige Schlüsse gezogen. Dennoch kann man die Menschen, die hinter den frühen Ansätzen des Sozialdarwinismus stehen, nicht ohne weiteres als unmenschlich und grausam abstempeln, denn man muß sie differenziert betrachten von den Agitatoren des späten Sozialdarwinismus in seiner rassistischen Ausprägung, die menschenverachtend und jeglicher Moral entbehrend als Wegbereiter des grausamsten Regimes der Neuzeit in Erscheinung traten.

Diese Schilderung soll dennoch nicht mit den unwissenschaftlichen Thesen des frühen Sozialdarwinismus sympathisieren, sondern lediglich Verständnis schaffen, um darauf aufbauend die Radikalisierung des deutschen Staates unter breiter Akzeptanz der Bevölkerung erklärbar zu machen.

Da der Sozialdarwinismus mehr als eine Sammlung wissenschaftlicher Hypothesen war, nämlich eine vollständige Weltanschauung, eine Ideologie, die in Teilen gegen die Humanitätsmoral verstößt, mußte dessen Verbreitung nach dem zweiten Weltkrieg verhindert werden. Es wäre nicht auszudenken, was für Gesetze es heute gäbe, wenn eine breite Akzeptanz der biologistischen Anschauungen des Sozialdarwinismus auch nach 1948 vorgeherrscht hätte. Insofern kann man sogar sagen, daß der Sozialdarwinismus ein Negativbeispiel war, das einen Beitrag dazu leistete, daß die Menschenrechte als Folgerungen aus der Humanitätsmoral heute Grundlage für nationale Gesetzgebung und internationale Politik sind.

7. Bibliographie

RADIX4_DARWINISMUS: http://home.pages.at/lobotnic/oekoli/archiv/radix4_darwinismus.htm

POLITIK5: http://www.icc-web.de/unisearch/arbeiten/content/politik5.htm

SOZ_EUGENIK: http://www.hausarbeiten.de/rd/archiv/soziologie/soz-eugenik.shtml

MEU_RAS: http://www.fu-berlin.de/hyperthek/arbeiten/i_p/meu_ras1.htm

FACH_BIO: http://fachberatung-biologie.de/index.html

SOZ_DARW: teil1.html, teil2.html, teil3.html, teil4.html

DARWIN, Charles: Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl , Darmstadt, 1988

DARWIN, Charles: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl , Stuttgart, 1966

HEMLEBEN, Johannes: Darwin , Reinbek bei Hamburg, 1968

BOWLBY, John: Charles Darwin, A Biography , London / Sydney / Auckland / Johannesburg, 1990

ARGB 1: Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie 1, 1904

ARGB 4: Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie Ausgabe 4, 1907

PAR1908: Politisch-Anthropologische Revue 1908